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Exklusives Interview mit Prof. Andreas Guder
Chinesisch als Fremdsprache in Deutschland 

Prof. Andreas Guder

Im April 2026 gab Prof. Andreas Guder – Professor für Fachdidaktik des Chinesischen an der Freien Universität Berlin - dem Chinesischen Kulturzentrum Berlin ein exklusives Interview. Er erklärte, wo das Chinesische als Fremdsprache derzeit in Deutschland steht und wie hierzulande die Zukunft der chinesischen Sprache aussieht. Außerdem beantwortete er uns einige der großen Fragen: Was braucht es zum Chinesischlernen, und warum sollte man heute unbedingt Chinesisch lernen? Auch teilte Prof. Guder einige persönliche Einblicke in seine eigene Begegnung mit der chinesischen Sprache und seinen Lernweg.

1 Professor Guder, Sie sind seit über zwanzig Jahren Vorsitzender des Fachverbandes Chinesisch e.V. An der Freien Universität Berlin haben Sie zehn Jahre lang selbst Chinesisch unterrichtet und seit 2016 sind Sie – zunächst in Göttingen und seit 2019 wieder in Berlin – im Bereich Chinesisch auf Lehramt tätig, forschen zu chinesischer Fachdidaktik und bilden Nachwuchs-Chinesischlehrkräfte aus. Doch woher kommt diese Leidenschaft? Gab es einst einen Moment, in dem Sie wussten: Jetzt will ich Chinesisch lernen?

Als ich in den 1980ern Abitur machte, dachte noch niemand an ein Schulfach Chinesisch, aber China hatte sich zu öffnen begonnen. Ich fand es schon als Schüler spannend, mich mit verschiedenen Sprachen und Schriftsystemen zu befassen und habe nach dem Abitur während meines Zivildienstes selbständig begonnen, Chinesisch zu lernen. Es war diese vollkommen andere Sprache-Schrift-Relation, die mich bis heute fasziniert, und die meines Erachtens die Konzeptualisierung von Sprache und Bildung in ganz Ostasien entscheidend geprägt hat. Ich studierte während meines Studiums der Germanistik (Deutsch als Fremdsprache) auch Sinologie als Nebenfach und lernte auch ein Jahr Chinesisch in China, aber erst nach dem Magisterabschluss erkannte ich, dass meine eigentliche Leidenschaft das Chinesische ist, und beschloss, mich mit der Fremdsprachendidaktik Chinesisch zu beschäftigen.

2 Wie viele Menschen lernen derzeit in Deutschland Chinesisch?

Das ist schwer zu sagen, da wir weder jeden Sprachkurs noch die vielen individuell mit Hilfe von KI lernenden Interessierten erfassen können. Als Vorsitzender des Fachverbands Chinesisch gehe ich aufgrund der uns grob bekannten Zahlen der Studierenden und Schüler:innen von etwa 10.000 ernsthaften Lernern in Deutschland aus, hinzu kommen viele, die sich mit Chinesisch eher nebenher im Rahmen von Abendkursen beschäftigen. Dabei müssen wir leider feststellen, dass leider nur ein kleiner Teil auch die Mittelstufe (Kenntnisse vergleichbar mit etwa B1) erreicht.

Viel wichtiger scheint mir jedoch, dass sich junge Menschen überhaupt mit China und Ostasien auseinandersetzen – dies kann auch über Esskultur oder Wushu, über Porzellan oder über Künstliche Intelligenz, im Grunde über jedes gesellschaftliche Thema stattfinden; und der Einstieg in die Sprache stellt natürlich einen bedeutsamen Weg dazu dar.



3 Mandarin-Chinesisch verzeichnet fast 1,2 Mrd. Sprecher weltweit. Das sind 300 Millionen Sprecher mehr als sämtliche Mutter- und Zweitsprachler des Spanischen und Französischen zusammengerechnet. Doch nur wenige Menschen im Westen lernen Chinesisch. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Dafür ist eine Fülle von Faktoren verantwortlich, die von kultureller und linguistischer Nähe bis zum sozialen Prestige einer Sprache reicht. Diese verschiedenen Faktoren führen dazu, dass neben Englisch vor allem Französisch und Spanisch unser Schulsystem dominieren. Lassen Sie es mich anders herum und positiver formulieren: Chinesisch ist bisher die einzige außereuropäische Sprache, die in fast allen Bundesländern als Wahlpflichtfach an weiterführenden Schulen angeboten wird. Dies zeigt, dass nicht nur die Menschen, sondern auch Teile der Bildungspolitik in Deutschland Chinesisch für die wichtigste außereuropäische Fremdsprache halten.

4 Wie hat sich das Interesse am Chinesischen in den letzten Jahren entwickelt, und welche politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Faktoren beeinflussen diese Entwicklung?

Wir müssen leider feststellen, dass das Interesse an Chinesisch seit den 2010er Jahren wieder abgenommen hat. Grund dafür sind zum einen die politischen und wirtschaftlichen Spannungen zwischen China und Europa, zum anderen aber auch das Aufkommen künstlicher Intelligenz, das in unserer Gesellschaft zunehmend zu der Grundhaltung führt, man müsse gar keine Fremdsprachen mehr lernen. Ich halte es angesichts der weiterhin enormen bilateralen Handelsbilanzen auch für keine gute Strategie, die Mittlerfunktion zwischen Deutschland und China ausschließlich der chinesischen Seite zu überlassen, und würde umgekehrt argumentieren: Gerade die Tatsache, dass wir nun über die großen Language Learning Models verfügen, gibt uns doch endlich die Zeit und mehr Möglichkeiten, uns verstärkt mit Chinesisch und anderen außereuropäischen Sprachen zu befassen!

5 Wie sieht die Prognose für das Interesse am Chinesischen aus?

Auch wenn ich als Fachvertreter optimistisch bleiben sollte, sehe ich derzeit noch keine Tendenz, dass sich die beschriebene Situation wesentlich ändern wird. Das könnte anders werden, wenn chinesische Firmen in Europa und China deutlich zeigen, dass sie Interesse an nicht nur fachlich, sondern auch sprachlich gut ausgebildetem Personal haben. Bisher lassen sich leider jedoch weder in der europäischen noch in der chinesischen Wirtschaft entsprechende Tendenzen beobachten. Ich hoffe aber sehr, dass unsere Bildungsbürokratie in den nächsten 10 Jahren erkennt, dass wir uns mehr mit außereuropäischen Sprachen und Kulturen befassen müssen, um einen weiteren Blick auf unsere Welt bei der nächsten Generation zu ermöglichen.

6 Viele schrecken vor den Schriftzeichen zurück. Muss man heutzutage noch systematisch Schriftzeichen lernen und das Schreiben dieser per Hand üben?

Auch wenn vielen das Schriftzeichenschreiben anfangs große Freude macht, führt es nicht zwangsläufig zu einem schnelleren Spracherwerb. Angesichts des nachgewiesenermaßen deutlich größeren Lernaufwands, der für das Chinesische gegenüber europäischen Sprachen erforderlich ist, denke ich, dass der Chinesischunterricht nach einer ersten Einführung in das Wesen der chinesischen Schrift und deren Schreibstruktur der Chinesischunterricht relativ schnell und fruchtbringend auf digitales Schreiben umstellen kann.

7 Welche Rolle spielen digitale Tools (Apps, KI, etc.) beim Chinesischlernen heute?

Eine zentrale Rolle, denn diese Tools ermöglichen die Individualisierung des eigenen Lernprozesses, sobald man die grundlegenden Features der chinesischen Sprache verstanden hat. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn es hier noch deutlich mehr auf deutsche Lernende maßgeschneiderte Anwendungen gäbe. Leider scheint aber der deutschsprachige Markt – anders als der englischsprachige - hierfür nicht groß genug zu sein.



8 Wenn jemand heute anfangen möchte, Chinesisch zu lernen: Was wären die ersten konkreten Schritte?

Meine Empfehlung: Suchen Sie sich einen Kursanbieter oder persönlichen Lehrer, der Ihnen im Rahmen der ersten Monate in sehr gutem Deutsch (oder Englisch) an authentischen Beispielen die grundlegenden Phänomene der chinesischen Sprache gut erklären kann (Ausspracheregeln und Tonsystem, grammatische Strukturprinzipien, Schriftzeichenstrukturen, kulturspezifische Kommunikationsregeln etc.).

Ich habe letztes Jahr einen Vorschlag publiziert, wie solche „Elementarkompetenzen Chinesisch“ (etwa Niveau A1) aussehen könnten. Auf deren Basis lässt sich dann entscheiden, welche Rolle im weitergehenden Lernprozess beispielsweise die chinesische Schrift einnehmen soll, ob man sie manuell oder nur digital oder gar nicht erwerben möchte, und welche Wissenswelten zu China ich jenseits der Sprache kennenlernen möchte. Denn ohne Kenntnisse zu China, seiner Geschichte und Gesellschaft bleibt die chinesische Sprache gewissermaßen substanzlos.

9 Die Popularisierung des K-Pops hat zu rasant wachsendem Interesse an der koreanischen Sprache weltweit geführt. Wie wirkungsvoll, glauben Sie, ist chinesische Kultur – etwa aus den Bereichen Kunst und Musik – als Ansatzpunkt, um das Interesse am Chinesischen zu steigern?

Natürlich sind Kunst und Musik wichtige Ansatzpunkte, insbesondere, weil bei ihnen Sprache nicht so sehr im Mittelpunkt steht. Ich beobachte allerdings bei chinesischen Kunst- und Musikveranstaltungen häufig, dass es an Experten mangelt, die das Dargestellte für europäisches Publikum in die richtigen (deutschen) Worte fassen und fundierte Zugänge ermöglichen können. Die meisten Begrifflichkeiten der chinesischen Kultur und Geschichte lassen sich nicht einfach übersetzen, sondern müssen erläutert und kommentiert werden. Dafür braucht es Mittlerpersonen mit chinawissenschaftlicher Ausbildung, die eine Vorstellung davon haben, was das Publikum lernen und wissen möchte.



10 Sie gehören zu einer frühen Gruppe von Sinologen der heutigen Zeit. Welche Perspektiven haben Ihnen Ihre Chinesischkenntnisse in jungen Jahren eröffnet?

Mein Chinesischunterricht damals war nach heutigen Maßstäben sehr schlecht: Es dominierten sinologische Lernziele, das heißt, das Leseverständnis von Texten stand im Mittelpunkt, und es herrschte die Ansicht vor, dass man mündliche Kompetenzen ohnehin erst in China erwerben könne. Hier hat sich viel geändert: Heute wird Chinesisch als moderne Fremdsprache in allen Kompetenzen vermittelt und ist an über 100 Schulen bundesweit Wahlpflichtfach - was einerseits zusätzliche Herausforderungen gegenüber damals darstellt, andererseits aber auch durch digitale Medien und Online-Austausch enorm erleichtert wird. Ich konnte damals nach meinem Studienjahr in Peking zumindest soweit Chinesisch, dass ich chinesische Delegationen durch München begleiten konnte und mir damit mein Studium finanzieren konnte. Und ich habe durch meine Chinesischkenntnisse natürlich leicht Kontakt zu vielen Menschen knüpfen können und auf Chinesisch in China wie in Deutschland, sowie vielen Ländern Europas (!) unzählige wertvolle Kontakte gewonnen.

11 Macht es Spaß, Chinesisch zu lernen?

Natürlich! Die Redewendungen, in denen man neue kulturelle Bilder vermittelt bekommt, die Vagheit des Chinesischen, die es zu einer wunderbaren Literatursprache machen, die Struktur der Schriftzeichen, all das macht Chinesisch zu einem immer wieder faszinierenden Studienobjekt. Ich würde es aber andersherum formulieren: Nur wenn es einem Spaß macht, kann man Chinesisch lernen!

12 Stimmt es wirklich, dass Grundkenntnisse des Chinesischen auf dem Lebenslauf Vorteile auf dem Arbeitsmarkt mit sich bringen, oder wird das überbewertet?

Meiner Ansicht nach werden praktische Chinesischkenntnisse auf dem globalen Arbeitsmarkt leider primär eher als eine interessante Zusatzqualifikation betrachtet: Die Existenz von Künstlicher Intelligenz und die vielen Muttersprachler des Chinesischen weltweit vermitteln den Eindruck, dass hier kein Bedarf bestünde. Wer aber zeigt, dass er sich intensiv mit China und Chinesisch befasst, sendet das Signal, dass er oder sie bereit ist, „out of the box“ zu denken, aufgeschlossen gegenüber Herausforderungen ist und den Willen besitzt, sich mit Fragestellungen zu beschäftigen, die über unseren europäischen Horizont hinausweisen. Und das ist in der heutigen Zeit ein entscheidendes Qualifikationskriterium. Umgekehrt scheint noch nicht allen chinesischen Arbeitgebern bewusst zu sein, wie nützlich ihnen deutsche Muttersprachler mit Chinesischkenntnissen bei der Verfolgung ihrer Firmenziele sein können. Hier sehe ich ein großes Potenzial, das noch nicht überall ausreichend ins Blickfeld gerückt ist.



13 Zum Schluss: Welche sind 2026 die Top drei Gründe, Chinesisch zu lernen?

- Die Beschäftigung mit chinesischer Sprache und Kultur sind das entscheidende Fundament für jede Beschäftigung mit ganz Ostasien. Es gibt mehr Menschen weltweit, die Chinesisch sprechen, als es Europäer gibt. - China hat sich zum Marktführer in zahlreichen Zukunftsbranchen entwickelt – wer in die Zukunft blickt, kommt nicht umhin, sich mit China zu befassen. - Vor allem aber führt die Auseinandersetzung mit Chinesisch zur Erweiterung des eigenen kulturellen und sprachlichen Horizonts und damit zu einer Fähigkeit zum Perspektivwechsel über Europa hinaus – und das ist eine Fähigkeit, die wir in den kommenden Jahrzehnten brauchen werden.

學無止境 xué wú zhǐ jìng – Lernen kennt keine Grenzen!

Vielen Dank, Herr Prof. Guder, für Ihre Zeit.

Interview und Redaktion: Phil Mielenz
[1] Statista. „Die zehn meistgesprochenen Sprachen weltweit“https://de.statista.com/statistik/daten/studie/150407/umfrage/die-zehn-meistgesprochenen-sprachen-weltweit/ (letzter Zugriff: 31.03.2026)
[2] Guder, Andreas (2025) Lernziel-Deskriptoren für ein Modul „Elementarkompetenzen Chinesisch“.ChinaAHa-Papier (China-Analysen und Handlungskompetenz) Nr.1.5 des BMBF-Projekts WiWiKo (Wissen für Wissenschaftskooperationen China).https://static.daad.de/media/daad_de/infos-services-fuer-hochschulen/wi-wi-ko-china/chinaaha_papier_lernziel-deskriptoren_chinesisch.pdf
[3] Lee, H. S. (2017). Hangul and Korean Language Education in a Globalized World. Seoul National University Press.


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